Fabian Westerheide · Berlin, Oktober 2026
Die analoge Waschmaschine
In unserem Badezimmer steht eine analoge Waschmaschine. Im Schlafzimmer gibt es kein einziges vernetztes Gerät. Das ist Absicht, und ja, für jemanden, der seit über zehn Jahren KI predigt, eine Konferenz dazu veranstaltet und sein eigenes Geld in KI-Firmen steckt, ist das ein bisschen absurd.
Ich liebe diese Technologie und nutze sie jeden Tag. Sie beantwortet mir die Behördenpost von fünf GmbHs (früher waren es acht, aber mehr ist nicht immer besser), und ehrlich gesagt bewahrt sie mich davor, bei jedem dritten Brief vom Amt die Fassung zu verlieren. Trotzdem will ich selbst entscheiden, wo sie in meinem Leben aufhört.
2017 habe ich in einem Interview gesagt: „Ich hasse es, dass Menschen arbeiten müssen.“ Das meine ich bis heute genau so. Lange dachte ich deshalb, die entscheidende Frage sei, welche Mühe wir an Maschinen abgeben. Dann wurde ich Vater.
Ich koche mit meinem Sohn, wir gehen zusammen einkaufen, wir putzen und spielen. Wir räumen gemeinsam den Geschirrspüler ein, füllen die Waschmaschine, programmieren den Mähroboter und wechseln Lampen. Wir bedienen die Maschinen zusammen, und dabei erleben wir Alltag. Denn Alltag ist Leben.
Wir bauen gerade das mächtigste Werkzeug, das die Menschheit je hatte. Es wird verändern, wie wir arbeiten, lernen, Kriege führen und miteinander reden. Und es hat keine eigene Vorstellung davon, was ein gutes Leben ist. Wir brauchen eine.
Wofür leben wir eigentlich?
Im Wald kommt diese Frage von ganz allein. Vor der Geburt meines Sohnes war ich sieben Tage Survival in einem Endzeit-Szenario, auf 400 Hektar Wald mit Bunkern. Heute bin ich lieber kürzer draußen. Meinen 40. Geburtstag habe ich unter freiem Himmel verbracht und stundenlang nur in die Sterne geschaut. Ich liebe den Geruch im Wald und seine Geräusche: Vögel, die singen und sich streiten, Bäume, die knacken, und der Wind in den Wipfeln. Da merke ich, wie klein ich bin.
Wir haben ein paar Jahrzehnte auf einem kleinen Planeten, und danach werden unsere Körper wieder Teil der Erde, auf der wir gelaufen sind. Im Großen sind wir unbedeutend. Im Kleinen ist jeder Mensch eine ganze Welt, mit seiner Geschichte, seinen Ängsten und Verletzungen, die niemand sieht, und mit einem Leben, das genau einmal stattfindet.
Ich glaube, das vergessen wir gerade. Wir haben Krankheiten besiegt, Kontinente verbunden und Maschinen das Denken beigebracht, und trotzdem haben viele Menschen das Gefühl, nie genug Zeit zu haben. Wir leben in einem Wohlstand, von dem frühere Generationen nur träumen konnten, und trotzdem haben Menschen Angst vor der nächsten Rechnung. Was ist das bitte für ein Fortschritt?
Bequemlichkeit ist noch keine Lebensqualität
Wir bestellen Essen, weil keine Zeit zum Kochen bleibt, und bezahlen danach für einen Kurs, in dem wir lernen, wieder ruhig zu werden.
Ich kenne das von mir selbst. Zehn Jahre lang war ich ständig müde, hatte Kopfschmerzen und Darmprobleme und fühlte mich dauernd kränklich. Dann habe ich verstanden, woran es lag: Ich habe eine Autoimmunerkrankung, und das falsche Essen hat sie befeuert. Seitdem gibt es bei mir kein Fast Food mehr. Dafür bin ich wach, gesund und aktiv. Lebendig eben.
Ich glaube an Wettbewerb, an Kapital und an Leute, die etwas Verrücktes bauen wollen. Seit 2010 arbeite ich mit solchen Gründern und stecke eigenes Geld in sie. Aber ich glaube nicht, dass mehr Wachstum automatisch mehr Glück bedeutet. Kapital ist ein Werkzeug, und eine Wirtschaft ist dafür da, Menschen zu dienen. Wenn wir jedes Jahr produktiver werden und trotzdem weniger Zeit zum Leben haben, dann läuft etwas gewaltig schief.
Die Frage, die mich bei KI am meisten beschäftigt, ist deshalb keine technische. Es geht nicht darum, was wir an Maschinen abgeben. Es geht darum, wie wir mit ihnen leben und trotzdem selbstständige Menschen bleiben.
Wer so viel Asimov gelesen hat wie ich, kennt die Angst vor der Maschine, die uns beherrscht. Ich habe eine andere Angst. Dass wir ihr freiwillig alles überlassen, bis wir verlernt haben, es selbst zu können.
Der Mensch ist kein Produktionsfaktor
Jeder Mensch ist zuerst ein Mensch und erst danach Arbeitnehmer, Steuerzahler, Konsument oder Wähler. Das klingt banal. In jeder Haushaltsdebatte vergessen wir es trotzdem.
Wenn wir über Arbeitslosigkeit reden, reden wir über jemanden, der morgens nicht mehr weiß, wofür er aufsteht. Ich wusste immer, dass KI die Einsteiger frisst, und den Mittelbau gleich mit. Bei den Berufseinsteigern in der Softwareentwicklung sieht man es schon. Nur kommen die Effekte immer langsamer, als ich denke. Wer nie anfangen darf, kann aber auch nie gut werden.
Menschen brauchen Sicherheit, und sie brauchen genauso das Gefühl, etwas bewirken zu können. Eine gute Gesellschaft versorgt Menschen und traut ihnen gleichzeitig etwas zu. Ich bin verantwortlich für meine Gesundheit, für meinen Körper, für meine Entscheidungen und dafür, wie ich meinen Sohn erziehe. Krankheit und Schicksalsschläge verschwinden natürlich nicht durch Eigenverantwortung, deshalb müssen wir füreinander einstehen. Ist auch klar: Solidarität und Eigenverantwortung brauchen wir beide.
Ein Staat, der dient
In den letzten zehn Jahren habe ich mit Abgeordneten aus fast allen Fraktionen darüber gesprochen, wie weit die USA und China bei KI schon sind. Die Köpfe nickten. Dann gingen sie zurück ins Parlament und taten: nichts. Als ich 2017 als Experte im Bundestag saß, war die Stimmung: „KI wird noch eine Weile brauchen!“
Und heute? Muss ich für meinen Personalausweis immer noch aufs Amt. Der NFC-Chip in meinem Ausweis ist defekt, ein Bug, und einen neuen bekomme ich dafür nicht. Ich muss also mit etwas Kaputtem leben, das mir zugeteilt wurde. Die digitale Schnittstelle funktioniert nicht, niemand übernimmt dafür Verantwortung, also lebe ich analog weiter.
Ich will keinen Staat, der mir erklärt, wie ich zu leben habe. Ich will einen Staat, der funktioniert. Der meine Rechte schützt, für Sicherheit sorgt, Infrastruktur baut, den Menschen hilft, die Hilfe brauchen, und mir ansonsten zutraut, selbst zu entscheiden.
Dieser Staat gehört weder seinen Parteien noch seiner Verwaltung, er gehört uns. Macht ist Verantwortung auf Zeit. Wer sie hat, sollte daran gemessen werden, ob das Leben der Menschen besser geworden ist, und nicht daran, wie viele neue Behörden er gegründet hat.
2024 habe ich in meinem Buch ein Digitalministerium gefordert. Seit 2025 gibt es eins, und ich freue mich ehrlich darüber. Jetzt muss es liefern.
Leben will leben
In meinem Wald in Brandenburg habe ich einen eigenen Brunnen, und eine Zeit lang habe ich dort Permakultur versucht. Ehrlich gesagt ging dabei einiges schief. Wir hatten Rasen angelegt und schöne Pflanzen gekauft, und vieles davon ist eingegangen. Dann waren wir zwei Jahre seltener da, und der Wald hat sich alles zurückgeholt. Er hat unsere Menschenpflanzen nicht kaputt gemacht, er hat sie integriert. Der Rasen ist heute eine Wiese, die Beete verschwimmen im Wald, und grüner war es nie. Natur kennt keine Rasenkanten.
Der Wald hat mir etwas beigebracht, das ich in keinem Board-Meeting gelernt habe. Jede Pflanze kämpft um ihren Platz an der Sonne, und trotzdem bringen sie sich nicht gegenseitig um. Sie konkurrieren und stützen sich gleichzeitig. Das wünsche ich mir für uns Menschen: Wettbewerb in Symbiose.

Wir sind ein Teil der Natur, wir atmen ihre Luft und trinken ihr Wasser, und trotzdem behandeln wir den Planeten wie ein Lager, das man möglichst billig leerräumt. Wir halten Milliarden Tiere unter Bedingungen, die wir keinem Lebewesen wünschen würden, das wir persönlich kennen. Ein Tier empfindet Schmerz, und ein Wald ist mehr als Bauholz. Leben will leben.
Ich will nicht zurück in die Höhle. Wir dürfen die Natur nutzen, aber mit Maß. Und wir haben jetzt Werkzeuge, mit denen wir Nahrung nachhaltiger herstellen, Krankheiten früher erkennen und Lebensräume schützen können. Ich würde Fortschritt gern daran messen, wie viel Leid wir verhindern, und nicht nur daran, wie viel wir produzieren.
Dazu gehört auch die unbequeme Wahrheit über meine eigene Branche: KI frisst Strom. Der Bedarf der Rechenzentren wird sich bis 2030 mehr als verdoppeln. Wer KI will, muss die Energiefrage beantworten, sonst ist der ganze Rest Gerede.
Frieden braucht Stärke
Ich wünsche mir eine Welt mit weniger Hass und weniger Angst. Ich glaube an Mitgefühl, und ich weiß, dass jeder Mensch eine eigene Geschichte mit sich herumträgt, die sein Verhalten prägt.
Pazifist bin ich trotzdem nicht. Ich bin Vater. Wer meine Familie bedroht, trifft auf Widerstand, und wer andere Länder überfällt, muss auf Grenzen treffen. Stärke soll schützen und nicht unterwerfen.
Hier wird es für mich unbequem. 2024 habe ich gefordert, dass der Staat endlich Kunde seiner eigenen KI-Industrie wird. Das ist passiert, und zwar zuerst bei Kampfdrohnen. Mir ist das zu wenig. Der Staat gibt zu viel Geld für Stahl aus und zu wenig für Technik. Was bringt uns ein Panzer, wenn ein Drohnenschwarm ihn zerstört? Wir brauchen viel mehr Intelligenz in der Verteidigung, viele günstige Drohnen, überall, zur Abschreckung und für den Ernstfall. Und dieses Geld sollte nicht ausgegeben, sondern investiert werden, so dass wir in zehn oder zwanzig Jahren noch etwas davon haben.
Frieden beginnt trotzdem im Kleinen: beim Nachbarn, bei der Art, wie wir mit unseren Kindern reden, und bei der Fähigkeit, einen Fehler zuzugeben.
Deutschland muss wieder Zukunft wollen
Als ich 2016 angefangen habe, KI-Firmen in Deutschland zu zählen, kam ich auf 80. 2023 waren es 600 bis 700. Da passiert also etwas. Und dann schaue ich auf das Geld: 2025 flossen in den USA rund 286 Milliarden Dollar privates Kapital in KI, in China offiziell 12 Milliarden, wobei Peking gern an der Statistik vorbei investiert. Und wir? 3,9 Milliarden. Weniger als Frankreich, weniger als Großbritannien und ungefähr ein Siebzigstel der USA. Aleph Alpha, 2024 für mich eine der großen deutschen Hoffnungen, geht gerade in Cohere aus Kanada auf.
Ich liebe dieses Land, seine Wälder, seine Ingenieure und seine Sturheit. Und ich bin oft frustriert, wie wenig wir aus unseren Möglichkeiten machen. Kapital, Wissen und kluge Köpfe haben wir. Was uns fehlt, ist der Mut, Strukturen infrage zu stellen, die nur deshalb noch existieren, weil sie schon immer existiert haben.
Deutschland muss kein Museum seiner eigenen Vergangenheit werden, und Europa muss bei der wichtigsten Technologie des Jahrhunderts nicht auf der Tribüne sitzen. Wir können zeigen, dass wirtschaftliche Stärke, Freiheit, Zusammenhalt und Natur zusammenpassen. Dafür müssen wir Dinge verändern, und zwar jetzt.
Warum ich nicht einfach zusehe
Ich mache mir Sorgen um dieses Land. Wir wissen oft, was getan werden müsste, und warten trotzdem. An manchen Tagen macht mich das wütend. Aber Wut allein bringt nichts, und meine Hoffnung habe ich nicht verloren.
Ich kann nicht fordern, dass andere handeln, während ich selbst nur zuschaue. Deshalb investiere ich in junge Unternehmen, bringe Menschen zusammen und schreibe. Ich kann nicht alle Probleme lösen. Aber ich kann meine Lebenszeit einsetzen und meinen Teil beitragen.
Ausgesorgt
Neben meinem Sachbuch „Die KI-Nation“ habe ich einen Roman geschrieben: AUSGESORGT. Er ist fertig und wartet auf seine Veröffentlichung. Er spielt in einer Welt, in der KI viele unserer heutigen Probleme gelöst hat und Menschen nicht mehr arbeiten müssen, aber dürfen.
Klingt nach meinem Satz von 2017. Ist es auch. Nur stellt sich dort eine Frage, die mich seitdem nicht mehr loslässt: Was machen wir mit unserer Freiheit, wenn wir nicht mehr um unsere Existenz kämpfen müssen?
Ich glaube nicht, dass Menschen glücklich werden, wenn ihnen jemand alle Probleme abnimmt. Wir wollen etwas erschaffen und etwas lernen, wir wollen lieben, geliebt und gebraucht werden, und wir wollen unser Leben selbst führen.
Groß denken. Klein leben.
Ich will noch viel bewegen, ehrlich gesagt mehr, als in ein Leben passt. Dafür habe ich zu viele Ideen und zu viel Energie. Gleichzeitig will ich klein leben: im Wald, mit eigenem Brunnen, einer analogen Waschmaschine und den Menschen, die mir wichtig sind. Für mich ist das kein Widerspruch. Man kann groß gestalten wollen und trotzdem wissen, wie kurz das eigene Leben ist.
Am Ende will ich nicht daran gemessen werden, wie viele Firmen ich gebaut oder wie viele Vorträge ich gehalten habe. Ich möchte Menschen inspiriert haben. Und ich möchte meinem Sohn eine Welt hinterlassen, in der er gern lebt, und ihm zeigen, dass es sich lohnt, Verantwortung zu übernehmen.
Vielleicht fliegen wir eines Tages mit KI an unserer Seite zu den Sternen. Ich hoffe es sehr. Vorher sollten wir lernen, auf diesem einen Planeten gut miteinander zu leben.
Nur gemeinsam gestalten wir die Zukunft. Jeder von uns gibt etwas, und in der Summe wird daraus mehr. So funktioniert der Wald, und so kann auch eine KI-Nation funktionieren.
Fabian Westerheide, Berlin, 2026